Querschnittlähmung

Querschnittlähmungen gehören ebenso wie Spina bifida (Myelomeningozele) zu den Rückenmarkläsionen. In beiden Fällen liegt eine mechanische Verletzung des Rückenmark-Querschnittes vor. Doch während Spina bifida angeboren ist, wird eine Querschnittlähmung durch Unfälle oder anderweitig verursacht. Das im Wirbelkanal verlaufende Nervengewebe ist durch die Verletzung ganz oder teilweise unterbrochen, was eine Lähmung der mit den Nerven verbundenen Muskeln oder Organe zur Folge hat. Welche Körperfunktionen dabei konkret ausfallen, ist von der Höhe abhängig, bei der dieser Querschnitt noch vollständig intakt ist. 

Die Diagnose Querschnittlähmung muss nicht zwangsweise bedeuten, dass ein Patient auf einen Rollstuhl angewiesen ist. Abhängig davon, welche Muskelgruppen noch funktionsfähig sind, kann mit einer Orthese ein eigenständiges Gehen erzielt werden. Hierzu muss der Orthopädietechniker eine ausführliche Patientenanamnese durchführen und mit den ermittelten Patientendaten die benötigte Orthese konfigurieren.


FAQ zum Thema Querschnittlähmung

Welche Körperteile sind von einer Querschnittlähmung betroffen?

Rückenmarkläsionen werden unter anderem in komplette und inkomplette Querschnittlähmungen unterteilt. Sie treten als Paraplegie (nur die Beine sind betroffen) oder Tetraplegie (beide Arme und beide Beine sind betroffen) in Erscheinung.

Was sind die Ursachen für eine Querschnittlähmung?

Grob kann man die Ursachen für Querschnittlähmungen in traumatische (Unfälle) und nichttraumatische Ursachen unterteilen. Während bei jungen Menschen die traumatischen Ursachen überwiegen, nehmen mit steigendem Lebensalter die nichttraumatischen Ursachen zu.

Zu den traumatischen Ursachen zählen alle Arten von Unfällen (z. B. Verkehrs-, Arbeits- und Sportunfälle) sowie Stürze und die Auswirkungen von Gewalt durch Fremde oder die eigene Person (Suizidversuche). Bei den nichttraumatischen Ursachen können beispielsweise angeborene Fehlbildungen, Tumoren, Infektionen, Entzündungen oder Vergiftungen zu einer Querschnittlähmung führen.

Sind die betroffenen Körperfunktionen unwiederbringlich verloren?

Umbauprozesse nach dem Unfall: Die Zeit unmittelbar nach dem Unfall ist geprägt von unzähligen biologischen Umbauprozessen im betroffenen Bereich der Wirbelsäule. Im Rahmen dieser Umbauprozesse kann es noch bis zu einem Jahr nach dem Unfall zu einer spontanen Verbesserung der geschädigten Körperfunktionen kommen.

Startzeitpunkt der Neurorehabilitation: Der Körper besitzt das Vermögen, neue Nervenverknüpfungen durch motorische Impulse auszubilden. So kann in der Phase der oben beschriebenen Umbauprozesse durch eine angemessene Neurorehabilitation ein Wachstum des Rückenmarks ausgelöst werden. Wichtig ist allerdings, dass die Therapie möglichst frühzeitig beginnt, um von diesen Umbauprozessen zu profitieren.

Art der Querschnittlähmung: Es spielt eine große Rolle, ob der Patient an einer kompletten oder einer inkompletten Querschnittlähmung leidet. Insbesondere bei inkompletten Querschnittlähmungen liegt eine gute Prognose zur Verbesserung der geschädigten Körperfunktionen vor. Des Weiteren wird diese Prognose durch einen frühzeitigen Therapiebeginn positiv beeinflusst. Bei kompletten Querschnittlähmungen ist die Prognose dahingehend eher schlecht, auch wenn es immer wieder zu geringen Verbesserungen kommen kann.

Was ist die ASIA-Klassifizierung?

Einen Begriff, den man im Zusammenhang mit Rückenmarkläsionen häufig hört, ist die ASIA-Klassifizierung, genauer gesagt, die ASIA Impairment Scale (AIS). ASIA ist die Abkürzung für American Spinal Injury Association und bezeichnet die nordamerikanische Gesellschaft für die Versorgung, Ausbildung und Forschung im Bereich Querschnittlähmung. 

Die ASI beschreibt ein strukturiertes Vorgehen zur Ermittlung von Höhe und Ausmaß der Schädigung: Im ersten Schritt erfolgt die Bestimmung der Läsionshöhe durch Ermittlung des Wirbelsäulensegmentes, bei dem weder motorische noch sensible Ausfälle vorliegen (die sogenannte neurologische Höhe). Dazu wird die motorische Höhe über den Kraftgrad festgelegter Kennmuskeln und die sensible Höhe an definierten Schlüsselpunkten der Haut (an sogenannten Dermatomen) mittels leichter Berührung sowie eines Pinprick-Tests ermittelt. Die Empfindungen an diesen Schlüsselpunkten geben Aufschluss über die spinale Höhe der sensiblen Versorgung. Nach AIS werden Rückenmarkverletzungen entsprechend ihrer Höhe in vier Bereiche eingeteilt:

  • zervikale Läsionen (C1–C8): Läsion auf Höhe der Halswirbelsäule
  • thorakale Läsionen (T1–T12): Läsion auf Höhe der Brustwirbelsäule
  • lumbale Läsionen (L1–L5): Läsion auf Höhe der Lendenwirbelsäule
  • sakrale Läsionen (S1–S5): Läsion auf Höhe des Kreuzbeines

Im nächsten Schritt wird nach einem bestimmten Auswertungsschlüssel beurteilt, ob es sich um eine komplette (ASIA A) oder eine inkomplette Querschnittlähmung (ASIA B–D) handelt:

A = Komplett:
Keine sensible oder motorische Funktion ist in den sakralen Segmenten S4–S5 erhalten.
B = Inkomplett: Sensible, aber keine motorische Funktion ist unterhalb der neurologischen Höhe erhalten und schließt die sakralen Segmente S4/S5 ein.
C = Inkomplett: Motorische Funktion ist unterhalb der neurologischen Höhe erhalten und die Mehrheit der Kennmuskeln hat einen Kraftgrad von weniger als 3 (nach Janda).
D = Inkomplett: Motorische Funktion ist unterhalb der neurologischen Höhe erhalten und die Mehrheit der Kennmuskeln hat einen Kraftgrad größer oder gleich 3 (nach Janda).
E = Normal: Sensible und motorische Funktionen sind normal.

Wie kann man einschätzen, ob der Patient von einer Orthese profitiert?

Durch die im Rahmen der ASIA-Klassifizierung ermittelte neurologische Höhe kann eine eindeutige Aussage getroffen werden, welche Muskeln noch von den zugehörigen Nerven angesteuert werden. Die Funktion der für das Gehen verantwortlichen Muskelgruppen setzt sich entsprechend aus der Funktion der diese Gruppe bildenden Muskeln zusammen. Der Zusammenhang zwischen Läsionshöhe und Muskelfunktion kann entsprechend Aufschluss darüber geben, ob eine Orthese und wenn ja, welche bei einer bestimmten Läsionshöhe empfehlenswert ist (siehe Handbuch zu Rückenmarkläsionen).

Generell kann man davon ausgehen, dass Patienten mit lumbalen und sakralen Läsionen (von T12 abwärts) von einer Orthese profitieren. Je höher die Läsion angesiedelt ist, desto mehr Stabilität muss die Orthese gewährleisten. Bei einem vollständigen Ausfall der Nervenbahnen ist keine Muskelfunktion unterhalb der Läsionshöhe vorhanden. 

Bei Patienten mit inkompletten Querschnittlähmungen kann es vorkommen, dass einige Muskelgruppen weniger stark oder überhaupt nicht von den Ausfällen betroffen sind. Daher stellt der Zusammenhang zwischen Läsionshöhe und Muskelfunktion nur den schlimmsten Fall der Einschränkung dar. Dementsprechend können Orthesen sogar für Läsionshöhen oberhalb von T12 geeignet sein.

Wann ist der richtige Zeitpunkt, um die Versorgung mit einer Orthese zu beginnen?

Je früher mit der Rehabilitation begonnen wird, desto besser können die verlorenen Körperfunktionen wiederhergestellt werden. Dieser Grundsatz gilt ebenfalls für die Versorgung mit einer Orthese. Wenn man berücksichtigt, dass eine individuelle Orthese nach Gipsabdruck des Patienten gebaut wird, kann man von einer Versorgung ab der zweiten Woche nach dem Unfall ausgehen. Zu Beginn dieser sogenannten Intermediärphase hat der Patient dann bereits die ersten Einheiten Physiotherapie absolviert. 

Eine früh für den Patienten gebaute, dynamische Orthese kann in der intensiven Neurorehabilitation im Rahmen einer qualifizierten Physiotherapie eingesetzt werden. Ebenfalls kann diese dem Patienten als Hilfsmittel für ein eigenständiges oder unterstütztes Aufrichten aus dem Patientenbett und erste Stehversuche dienen. Ein unterstütztes und dynamisches Stehen ist eine wichtige Grundvoraussetzung für das spätere Gehtraining.



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