Anwendergeschichten

Julian mit KAFOs

Anwendergeschichte von Julian Lichte

trägt zwei Orthesen mit NEURO TRONIC Systemkniegelenken und NEURO SWING Systemknöchelgelenken

Steckbrief

  • 1984 geboren
  • Sport-Ass
  • erste Orthese ca. drei Monate nach Unfall

120 kg. Das sind ca. elf Getränkekisten, drei Säcke Blumenerde, das Gewicht eines Mini-Shetlandponys oder die Kilozahl, die Julian Lichte beim Bankdrücken stemmen kann. Man kann sich vorstellen, dass eine stattliche Person vor einem steht. Und vor allem, dass Julian Lichte steht, ist ein Ereignis an sich.
Julian Lichte ist querschnittsgelähmt, ein sogenannter Paraplegiker. Beide Beine sind von der Lähmung betroffen, der Oberkörper und die Arme sind jedoch voll funktionstüchtig. Julians Erlebnisse und Geschichten könnten die Vorlage für ein Drehbuch sein.

Im Jahr 2000 ist Julian gerade seit zwei Monaten 16 Jahre alt, als der jugendliche Übermut ihn packt. Ein sportlicher Typ, der den Schalk im Nacken sitzen hat. In einer Nacht klettert er an der Außenwand eines Parkhauses hoch. Und stürzt vier Stockwerke tief ungebremst auf den Boden. Geistesgegenwärtig wählt er mit seinem Handy die Nummer des Notrufs. Die nächste Erinnerung ist das Aufwachen im Krankenhaus.

Seine Mutter ist bei ihm als er aufwacht. An ihrem Blick erkennt Julian, dass etwas nicht stimmt. Später wird ihm erklärt, dass er einen Trümmerbruch zwischen dem letzten Brustwirbel (TH12) und dem ersten Lendenwirbel (L1) hat. Beide Beine sind gelähmt. Der Arzt erklärt ihm, dass er sehr wahrscheinlich nicht mehr laufen werden kann und einen Rollstuhl benötigt. Es folgt eine Operation, bei der ein Stück des Beckenkamms entfernt wird, um die geschädigte Wirbelsäulenregion zu stabilisieren. Weitere OPs werden folgen.

Julian sagt, für ihn war diese Zeit eine totale Katastrophe. Emotional, psychisch und körperlich. Seine Freunde und Familie sind immer für ihn da und unterstützen ihn in jeglicher Hinsicht. Dennoch ist so ein Unfall nicht einfach zu verarbeiten. Rückblickend sagt Julian, dass er in dieser Zeit eine starke Sensibilität für Zwischenmenschliches entwickelt hat. Kleine Gesten, Mimik, Körperhaltung oder die Betonung von Worten nimmt er viel intensiver wahr als zuvor.
Er lernt viele Patienten mit ähnlichen Schicksalen kennen. Der ein oder andere versucht ihn zu animieren, einen Rollstuhl zu verwenden. Die Solidarität untereinander ist groß.
Während der Physiotherapie ist das Training auf den Rollstuhl fokussiert. Durch Zufall kommt eine Therapeutin mit Unterarmgehstützen in sein Zimmer als er ganz frisch verletzt ist. Es stellt sich als ein Missverständnis heraus. Aber für Julian ist der kurze Moment bis heute im Bewusstsein. Er sagt, vielleicht war dieser Moment schon richtungsweisend. Unterarmgehstützen oder gar Orthesen sind danach vorerst kein Thema mehr.

Nach zweieinhalb Monaten wird er mit Rollstuhl entlassen. Zu dem Zeitpunkt liegt die Wohnung seiner Eltern im dritten Stock. Es gibt keinen Fahrstuhl. Seine Mutter und er selbst hieven ihn die Treppen jeden Tag hoch und wieder runter. Kurz vor seinem Unfall hat die Familie Zuwachs bekommen, Julian hat jetzt einen Bruder. Von seiner Mutter sagt Julian, dass sie eine Kämpferin sei. Sie kümmert sich um ihre beiden Söhne wie eine Löwin. Nebenbei recherchiert sie im Internet nach weiteren Möglichkeiten, Julian helfen zu können. Dabei entdeckt sie Orthesen sowie einen Rollstuhl, den man in die Vertikale bringen kann. Dieser hat allerdings sechs Monate Lieferzeit. Er bekommt zwei Orthesen. Nur durch die Recherche der Mutter und den großen Einsatz seiner Physiotherapeutin Gabi ist Julian zu diesem Zeitpunkt überhaupt mit Orthesen in Kontakt gekommen. Julian beschreibt sie als "superklobig" und ist genervt vom Anlegen der Orthesen. Auch aus Trotz zieht er sie 100-mal an und wieder aus. Danach ist das Anlegen kein Problem mehr. Er verwendet sie für die Physiotherapie und versucht, sie in seinen Alltag zu integrieren. Mit sehr viel Übung kann er in den Orthesen sogar stehen. Ein erster Erfolg, der letztendlich auf dem unermüdlichen Engagement der beiden Frauen in Julians Umfeld beruht.

Physiotherapie und Sport bestimmen fortan Julians Alltag. Er will jetzt alles nutzen, was möglich ist. Er will stehen und sogar gehen können. Doch es stellen sich viele Fragen: Welche Möglichkeiten bietet ihm die Physiotherapie? Gibt es Orthesen, mit denen er auch gehen könnte? Wie kann er seinen Körper am besten unterstützen? Wo gibt es noch mehr Informationen?
Im Physiotherapiezentrum wird er von Gabi betreut. Sie ist unglaublich engagiert und findet immer wieder neue Übungen für Julian. Jeder winzige Fortschritt ist Motivation. Julian selbst hat auch immer weitere Ideen. Von Elektrostimulation über Eisblöcke, mit denen er Reize setzen möchte, bis hin zu einem elektrischen Hometrainer-Fahrrad, in dem er nachts praktisch schläft und dabei weiter seine Beine bewegt, lässt er nichts aus. Mithilfe von Unterarmgehstützen übt er mit den Orthesen das U-Bahn-Umsteigen von einem auf das andere Gleis, um die Angst vor dem Stürzen und den automatisch schließenden Türen zu verlieren. Sein Traum ist es, mit den Orthesen richtig gehen zu können.

Jede Unterbrechung durch Krankenhausaufenthalte ist für ihn ein Trainingsrückstand. Zudem stellt sich die Frage, wie es mit der Schule weitergehen soll. Dort ist der Rückstand aufgrund längerer Abwesenheit ebenso offensichtlich. Er wechselt auf ein Internat. Seine Eltern und er erhoffen sich eine intensivere Lernbetreuung, um den fehlenden Stoff wieder aufzuholen. Doch acht Stunden ohne Bewegung sind für Julian schwer zu ertragen. Nach einem Intermezzo auf dem Internat bricht er die Schule ab. Mit 18 zieht er von Zuhause aus und eröffnet mit einem Freund gemeinsam ein Internet-Café. Er kann selbstbestimmt entscheiden, wie er seinen Tag einteilt. Hinter dem Tresen steht er in seinen Orthesen. Niemand bemerkt, dass ein Querschnittsgelähmter vor ihm steht. In seinem Umfeld fühlt er sich mit seinen Orthesen voll integriert. Er verwendet gesperrte Gelenke. Lange halten die Orthesen der Belastung, der Julian sie aussetzt, meist nicht stand. Er strapaziert sie und auch seinen Körper enorm und gönnt sich selten Pausen. Jede Bewegung ist für ihn Training.
Über die Jahre lernt er viele Physiotherapeuten kennen. Manche sind mehr, manche weniger engagiert. Es gibt keine Spezialisierung für bestimmte Patientengruppen oder gar Übungen mit Orthesen. Als Julian für sich selbst keine Fortschritte mehr sieht, entwickelt er sein eigenes Trainingskonzept. Jede freie Minute verbringt er im Schwimmbad, schwimmt mit Gewichten an seinen Beinen. In der selbst verordneten Mittagspause übt er draußen am Geländer mit den Orthesen das Stehen und kleine Schritte. Dadurch, dass die Orthesen im Kniegelenk gesperrt sind, ist ein richtiges Gehen nicht möglich. Durch die Lähmung in den Beinen muss er sie gesperrt lassen, sodass er den maximalen Halt in den Orthesen hat. So vergehen die Monate.

Mehrmals hat er eine Entzündung im Bein, die jeweils zu einer Operation führt. Bei einem Abszess ist es so schlimm, dass er auf die Intensivstation kommt und künstlich ernährt werden muss. Als der Arzt ihm danach anrät, das Bein amputieren zu lassen, brennen Julian die Nerven durch. In gehobener Lautstärke sagt er, dass diese Option für ihn nicht in Frage kommt.

Als er wieder nach Hause kommt, macht er weiter mit Sport und verabschiedet sich voll und ganz vom Rollstuhl. Er ist jetzt 26 Jahre alt. Sein nächster Weg führt ihn erneut zum Sanitätshaus. Hier erhält er zwei neue Orthesen. Diesmal welche mit automatischen Kniegelenken, die unter Belastung gesperrt und in der Schwungphase entsperrt sind. Mithilfe von Unterarmgehstützen trainiert er das, was für gesunde Menschen selbstverständlich ist: gehen. Dafür braucht er einen stabilen Oberkörper, um sein Gleichgewicht halten zu können. Neben dem Gerätetraining schafft er sich einen Barren an. Mit diesem übt er, seine Beine und Füße zu einem Schritt zu bewegen. Die Kraft dafür kommt aus der Hüfte und dem Oberkörper. Mit einer Wiederholung von 1000-mal lässt er eine Fußspitze nach der anderen auf dem Boden aufsetzen (Toe-Tap). So beginnt sein Morgen. Vier bis sechs Stunden Sport am Tag sind Julians Dogma. Im Fitnessstudio ist er durchschnittlich eine Stunde auf dem Laufband. Er trainiert mit seiner Hüfte und den Beinen so zu gehen, dass die automatischen Kniegelenksysteme der Orthese zum richtigen Zeitpunkt sperren und entsperren. Auf dem Laufband gelingt ihm diese Übung immer besser.

Heute ist Julian 33 Jahre alt. Seine Freundin Rena sagt, die Orthesen stabilisieren Julians Leben. In einem Rollstuhl wäre es ganz anders verlaufen. Sie fahren zusammen in den Urlaub, machen Sport, gehen aus und leben in einer Wohnung, die nicht barrierefrei ist. Weil sie das so wollen. Julians Wille, gehen zu können, ist ungebrochen. Ob er das Ziel eines annähernd physiologischen Gangbildes erreicht, steht in den Sternen.
Die Fortschritte der Medizin, Orthopädietechnik und Biomechanik werden besonders von betroffenen Patienten wie Julian stets im Auge behalten. Das Internet bietet Patienten, Angehörigen und auch Personen aus den unterschiedlichsten Fachbereichen die Möglichkeit, Informationen zu erhalten, die vor der Zeit des Mediums noch nicht so einfach zugänglich gewesen sind. Auch die Vernetzung und der Austausch untereinander sowie die Visualisierung durch Videos, Grafiken und Fotos sind heute ganz anders als noch vor 20 Jahren. Dennoch wünscht sich Julian Lichte eine bessere und schnellere Aufklärung und mehr Mündigkeit für die Betroffenen, damit die Möglichkeit der orthetischen Versorgung nicht wie bei Julian dem Zufall überlassen bleibt. Für die Ärzte gibt es bei einer Querschnittslähmung, wie Julian Lichte sie hat, aus Unwissenheit oder Überzeugung, oftmals keine andere Option als den Rollstuhl. Der ist für viele Patienten eine sehr gute Lösung aber zu häufig auch die einzige, die ihnen angeboten wird.

Julian Lichte hat sich für einen Weg mit Orthesen und ohne Rollstuhl entschieden.