Jarno mit KAFO

Anwendergeschichte von Jarno Rintschwentner

trägt eine Orthese mit NEURO TRONIC Systemkniegelenk und NEURO SWING Systemknöchelgelenk

Steckbrief

  • 1974 geboren
  • verheiratet, eine Tochter
  • erste Orthese 2006 nach Reha

Jarno Rintschwentner ist heute Anfang 40. Er lebt mit seiner Frau Marlen und seiner kleinen Tochter Nea in einem idyllischen Ort in Franken. Vor knapp 10 Jahren schien sein jetziges Leben für ihn undenkbar. Denn damals stellte man ihm die Diagnose inkompletter Querschnitt.

Der Unfall

Der Dachdeckermeister stürzt vor 10 Jahren während der Arbeit von einem 12 Meter hohen Dach. Die Höhe ist sein Glück im Unglück, da er sich beim Sturz so dreht, dass er mit den Füßen voran aufschlägt und nicht auf den Kopf fällt. Damals ist er 32 Jahre alt. Sein derzeitiger Praktikant ruft sofort den Krankenwagen, der kurze Zeit später eintrifft. Noch heute erinnert Jarno sich an den enormen Schmerz, der ihn allerdings nicht von dem Versuch abhält, die Rettungskräfte zu überzeugen, nicht sein Sicherheitsgeschirr zu zerschneiden. Das bräuchte er doch noch für die Arbeit. Vor Ort wird er wegen der Schmerzen sediert und in das nächstgelegene Krankenhaus gebracht. Das Sicherheitsgeschirr muss dennoch aufgeschnitten werden.

Die Diagnose

Die Röntgenaufnahmen zeigen einen Bruch des 3. Lendenwirbels, ein gebrochenes Sprunggelenk und ein gebrochenes Wadenbein.

Der Unfall ereignet sich gegen 9.30 Uhr. Nach einem Hubschraubertransport von Annaberg in das Universitätsklinikum Leipzig wird Jarno bereits gegen 15.30 Uhr operiert. Das Rückenmark ist nicht durchtrennt. Durch den Bruch des Lendenwirbels wird es allerdings stark komprimiert und muss entlastet werden. Dazu wird ein sogenannter Fixateur zur Stabilisierung eingesetzt. Einen Tag später folgt die zweite OP. Es wird ein dehnbarer Titan-Cage als Wirbelkörperersatz eingesetzt. Auf dem Röntgenbild ähnelt dieser einem handelsüblichen Lockenwickler. Er verbindet den oberen und unteren Wirbel, zwischen denen der gebrochene 3. Lendenwirbel saß, miteinander. Drei Lendenwirbel werden so zu einem. Das Hauptziel ist die Stabilisierung des betroffenen Wirbelsäulenabschnitts. Es gibt nur wenige Ärzte in Deutschland, die solch eine OP durchführen können.

Als Jarno das erste Mal wieder vollkommen bei Bewusstsein ist, glaubt er, dass die Diagnose nicht seine ist: inkompletter Querschnitt. Seine erste Frage ist, wann er wieder arbeiten gehen kann.

Alle Operationen verlaufen gut. Dennoch ist eine derartige Diagnose für Patienten nicht einfach zu verarbeiten. Die Frage, wann Jarno wieder arbeiten kann, bleibt vorerst unbeantwortet. Es gibt weder eine negative noch eine positive Antwort darauf. Neben seinem Bett stehen Gehstützen. Eine stille Motivation. Denn wenn sie dort stehen, dann besteht die Hoffnung, irgendwann vielleicht damit gehen zu können.

Bei den üblichen Visiten spricht das medizinische Personal in seinem Beisein so viel Fachsprache, dass er sich fühlt, als wäre er gar nicht im Raum. Mit einem befreundeten Arzt telefoniert er fast täglich. Er erklärt Jarno Fachbegriffe und sagt ihm immer wieder, dass er ein mündiger Patient sei und ein Recht darauf habe, dass man ihn über alles informiere, was Jarno wissen möchte.
In dieser Zeit des Aufenthalts auf der Intensivstation hat Jarno ein absolutes Tief. Trotz seines starken Willens braucht er eine Aussicht, etwas, woran er sich orientieren kann. Der Professor fragt ihn, warum er so niedergeschlagen sei. Schließlich sei die Diagnose ein inkompletter Querschnitt, was keine komplette Lähmung bedeute. Und er verspricht ihm, dass er früher oder später wieder laufen kann.

Die Reha

Jarno wird in die Reha entlassen. Mindestens ein halbes Jahr soll er dort auf ein Leben im Rollstuhl vorbereitet werden. Man beginnt mit einer Therapie nach Vojta. Dabei wird Druck auf bestimmte Körperzonen ausgeübt, um einen Bewegungsreflex zu erzeugen. Die Therapie ist mitunter schmerzhaft, aber sie schlägt gut an. Sogar so gut, dass er manche Bewegungen ohne Druck ausführt und man eine Überreaktion feststellt. Seine Therapeutin ist besorgt und richtet sich an die Vojta-Stiftung, die dazu rät, die Therapie zu beenden. Es folgen ein IQ-Test, PNF-, Bobath- und Ergotherapie.

Sechs Wochen später stellt Jarno sich zur klinischen und radiologischen Verlaufskontrolle im Universitätsklinikum Leipzig vor. Zu dieser Zeit sitzt Jarno überwiegend im Rollstuhl. Es ist ein Glücksfall für ihn, dass der behandelnde Oberarzt sich noch gut an ihn erinnert und fragt, wie die Reha verlaufe. Jarno erzählt und fragt ihn, ob er den Rollstuhl irgendwann wieder loswerde. Der Oberarzt sagt, es gebe Gelenke und Schienen, die einen beim Laufen unterstützen können. Diese Aussage ist Jarnos Strohhalm. Motiviert kehrt er zur Reha zurück.

Bei jeder Gelegenheit fragt Jarno die Therapeuten nach den Schienen, von denen der Arzt berichtet hat. Doch niemand beschäftigt sich ernsthaft mit seiner Nachfrage. Er hat das Gefühl, dass er nun in einer Schublade steckt und aus dieser nicht mehr herauskommt. Der Rollstuhl scheint für ihn unabdingbar. Das Wort Orthese ist bis dahin noch nicht gefallen. Immer wieder spricht er seine Therapeuten darauf an und bekommt schließlich einen Termin im hausinternen Sanitätshaus. Fünf Monate nachdem er in die Reha gekommen ist, erhält Jarno seine erste Orthese. Die ersten Schritte haben mit normalem Gehen nicht viel gemein. Nach einiger Zeit und mit regelmäßiger Physiotherapie schafft er es, mit Orthese und Unterarmgehstützen zu laufen.

Vor seiner Entlassung empfiehlt man ihm dennoch, einen Rollstuhl mitzunehmen. So ließen sich zumindest ein paar Dinge transportieren. Jarno befestigt einen Cupholder mit Klebeband an seine Unterarmgehstützen. So könne man ebenfalls Dinge transportieren, sagt er. Er argumentiert, dass ein Rollstuhl mit Kosten von ca. 4000 Euro sicher Geldverschwendung sei. Er wird mit Orthese und ohne Rollstuhl entlassen.

Die orthetische Versorgung

Sein altes Leben ist nun vorbei. Auf dem Plan stehen Physiotherapie, Sport und das Ziel, immer besser gehen zu können. 92 Treppenstufen führen zu seiner Wohnung hinauf, die im 4. Stock liegt. Er zieht zu seinen Eltern, da er bei vielen alltäglichen Dingen noch auf Hilfe angewiesen ist. Er fordert in dieser Zeit viel von sich, seinem Körper und der Orthese. Seine Erwartungen sind hoch. Die Orthese, ein einfacher Schienen-Schellen-Apparat, ist für seine Indikation nicht ausgelegt. Sie geht des Öfteren kaputt, sodass Jarno manchmal zehn Tage ohne Orthese auskommen muss. Seine Mobilität ist dadurch stark eingeschränkt. 

Durch seinen Durchgangsarzt kommt er in Kontakt mit einem Sanitätshaus, von dem er heute noch versorgt wird. Das Sanitätshaus Mayer & Behnsen in Zwönitz berät Jarno ausführlich und schlägt eine individuell gefertigte Orthese aus Carbon mit Gelenken vor, die zu seiner Indikation und seinen Ansprüchen passen. Die Kosten für eine individuelle Maßanfertigung sind sehr hoch. Der Durchgangsarzt verlangt ein OK für die Kostenübernahme durch die Berufsgenossenschaft.

Wieder setzt Jarno alle Hebel in Bewegung - telefoniert, argumentiert, rechnet vor und kämpft dafür, nach seinen Vorstellungen versorgt zu werden. Schließlich willigt man ein und er erhält seine erste maßgefertigte Carbonorthese mit dem automatischen Kniegelenksystem NEURO MATIC. Er hat sich vorgestellt, dass er mit Orthese wieder Treppen steigen und gehen kann wie vor seinem Unfall. Die Orthese empfindet er anfangs als zu schwer im Vergleich zum Schienen-Schellen-Apparat und umständlich. Rückblickend sagt Jarno, dass seine Erwartungen viel zu hoch gewesen sind.

In dieser Zeit geht es nicht nur um den Körper, sondern auch darum, die Vorstellung vom eigenen Ich vor und nach dem Unfall überein zu bringen. Mit einem inkompletten Querschnitt könne man eben nicht mehr Hürdenläufer werden, sagt Jarno aus seiner heutigen Sicht.

Die Entwicklung

Jeden Morgen legt Jarno die Orthese an und stellt sie erst abends wieder neben sein Bett. Sein Gangbild verbessert sich zunehmend. Und auch seine Skepsis schwindet. Unter der Hose getragen, ist die Orthese nicht sichtbar. Als ihn jemand fragt, ob er sich beim Fußballspielen das Kreuzband gerissen hat, ist das für Jarno ein riesiges Kompliment. Er gewöhnt sich schnell an sein neues Hilfsmittel, wird immer mobiler, selbstständiger und beginnt neben den täglichen Physioeinheiten mit dem Handbike-Fahren. 

Das Tragen der Orthese wird schnell ganz natürlich. Wie ein Kleidungsstück, welches man sich morgens anzieht. Nach einiger Zeit und weiteren Terminen bei seinem Sanitätshaus bekommt Jarno eine neue Orthese mit einem neuen automatischen Kniegelenk, dem NEURO TRONIC. Dieses Gelenk sperrt automatisch und erkennt die Bewegung und Lage des Unterschenkels durch Bewegungssensoren. Steht Jarno oder befindet sich kurz vor Fersenauftritt, wird dies durch die Sensoren registriert und das Gelenk ist gesperrt. Die Sensorik der Orthese registriert automatisch, ob er gehen oder stehen möchte, und das Gelenk gibt die Bewegung im richtigen Moment frei. Mit diesem System läuft Jarno bis heute.

Jedes Schlechte hat auch etwas Gutes

Der Unfall, die Zeit danach, das Bangen, das Kämpfen, all das kostet enorme Kraft. Jarnos soziales Umfeld ist eine stille Motivation in dieser Zeit. Seine Eltern stehen uneingeschränkt hinter ihm, besuchen ihn während des Klinikaufenthaltes täglich. Auch das Netz aus Freunden, Berufsgenossenschaft, medizinischem Personal und später Jarnos eigener kleiner Familie sind ein wichtiger Faktor für seine Rehabilitation. Er meint, sie alle hätten ihm so viel gegeben, da kam aufgeben einfach nicht in Frage. Auch wenn ihm einige Male danach gewesen wäre.

Mit einer Querschnittlähmung, komplett oder inkomplett, gehen viele Tabus, Sorgen und Probleme einher. Vieles wird nicht öffentlich besprochen oder diskutiert. Dazu gehörigen neben dem Gehen auch Themen wie die Harn- und Darmfunktion sowie Sexualität. Und auch die Meinungen der Fachpersonen über die Versorgung gehen manchmal auseinander. Nach Jarnos Erfahrung denken viele bei Orthesen an schwere Apparate aus Leder und Stahl, die die Bewegung einschränken und unglaublich kompliziert anzulegen sind.

Jarnos Intention ist es, anderen Mut zu machen. Sich nicht aufzugeben, nachzufragen und als Patient alles auszuschöpfen, was einem persönlich helfen kann. Er sagt, jedes Schlechte hat auch etwas Gutes. Er schätzt die einfachen Dinge und weiß, was für ihn wirklich wichtig ist.